Was ist Energie?
Und wie wirkt sie im Unternehmen?
Wenn ich die Frage stelle: «Wo verliert Ihr Unternehmen Energie?» entsteht fast immer ein gutes Gespräch. Manchmal folgt darauf die Gegenfrage, was ich mit «Energie» eigentlich meine. Deshalb kläre ich den Begriff kurz philosophisch und schaffe den Bezug auf die unternehmerischen Tätigkeit.
Begriffsklärung I
Das philosophische Wörterbuch hält fest: Der Ursprung des Begriffs liegt im griechischen «Enérgeia» und bedeutet wörtlich «im Werk sein». Philosophisch bezeichnet er den vollendeten Vollzug einer Handlung oder eines Entstehungsprozesses. Energie hat also mit Wirksamkeit zu tun.
Für meinen Zusammenhang ist das der entscheidende Punkt. Mich interessiert Energie dort, wo Menschen in ihrer beruflichen Tätigkeit etwas hervorbringen, entscheiden, organisieren, führen und Wirkung erzeugen.
Nicht alles, was läuft, ist wirksam
Diese erste Bestimmung reicht noch nicht aus. Denn nicht alles, was in einem Unternehmen läuft, ist deshalb schon wirksam. Es kann viel Aktivität geben und zu wenig Richtung. Prozesse können ausgeklügelt sein und doch fehlt im entscheidenden Moment die Urteilskraft. Selbst sauber strukturierte Meetings nützen wenig, wenn das Wesentliche nicht zur Sprache kommt.
Darum verstehe ich Energie im Unternehmen nicht als blosse Bewegung, sondern als gebündelte Fähigkeit, Leistung hervorzubringen und gesunde Wertschöpfung zu sichern.
Energie ersetzt jedoch keine richtige Entscheidung. Wenn die Strategie falsch ist, das Produkt nicht mehr gefragt wird oder der Markt massiv einbricht, nützt auch viel Einsatz wenig. Entscheidend ist deshalb, wohin die Kräfte eines Unternehmens gerichtet werden.
Begriffsklärung II
Laut dem Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) ist Energie «die in einem Körper oder System innewohnende Fähigkeit, Arbeit zu leisten» und die «im Inneren wirkende Kraft».
Genau in diesem Sinn lässt sich der Begriff auf Unternehmen übertragen. Ein Unternehmen ist ein System und mit den Menschen, die darin arbeiten, hat es auch einen Körper. Von ihnen kommt die «innere Kraft, dass Commitment».
Wirksam wird ein Unternehmen erst dann, wenn seine Mittel, seine richtungsgebenden Entscheidungen und seine Menschen so zusammenspielen, dass daraus Leistung und die erwünschten Resultate entstehen.
Willenskraft als Beweger
Die wörtliche Bedeutung von Energie als «im Werk sein» führt im unternehmerischen Zusammenhang zu einer weiteren Frage: Womit wollen Menschen am Werk sein? Welche Aufgaben wollen sie übernehmen, worin Verantwortung tragen und Wirkung entfalten?

Diese Fragen sind zunächst individuell zu klären. Denn Fähigkeiten und Talente allein genügen nicht. Sie müssen eingesetzt werden, damit Wirkung entsteht. Entscheidend ist deshalb, welche Aufgaben Menschen in einem Unternehmen erfüllen wollen.
Im unternehmerischen Zusammenhang gehört dieser Wille für mich zur Energie. Unternehmerische Wirksamkeit entsteht nicht von selbst. Sie braucht Menschen, die etwas wollen, Ziele setzen, Prioritäten klären und Verantwortung übernehmen. Willenskraft zeigt sich dort, wo innere Zustimmung in verbindliches Handeln übergeht. In diesem Sinn ist sie ein zentraler Beweger unternehmerischer Wirksamkeit.
Zwei Ebenen unternehmerischer Energie
Energie im Unternehmen zeigt sich für mich im Zusammenspiel von zwei Ebenen.
Auf der Sachebene gehören dazu Strategie, Wissen, Geld, Maschinen, Prozesse, Produkte, Dienstleistungen und Marktbeziehungen.
Auf der menschlichen Ebene braucht es geteilte Werte, Führungsverbindlichkeit, geklärte Aufgabenverteilung, eine positive Entscheidungsdynamik und den gemeinsamen Willen, die Welt der Kundinnen und Kunden erfolgreicher zu machen.
Solange Menschen Arbeit nicht nur ausführen, sondern mitdenken, entscheiden, koordinieren und Verantwortung tragen, ist Energie immer auch eine Frage innerer Beteiligung und Bündelung von Kräften.
Schlussfolgerung
Wenn Energie Wirksamkeit ist, und wenn Unternehmen nur durch das geordnete Zusammenspiel ihrer sachlichen Mittel und menschlichen Kräfte lebensfähig bleiben, dann sollte sich jedes Unternehmen mit Energie auseinandersetzen.
Nicht als Worthülse, sondern als Bedingung für unternehmerische Zukunftsfähigkeit und langfristige Wertschöpfung.
Jana Yaacoub, Mai 2026
Quellenhinweis:
Gessmann, Martin (Hrsg.) (2009:195): Philosophisches Wörterbuch. Stuttgart: Kröner
DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache, Stichwort «Energie».https://www.dwds.de/wb/Energie, Zugriff 7. Mai 2026